GELSENSPORT und SPORTPOLITIK

Neben der satzungsgemäßen Aufgabe den Breitensport zu fördern, beobachtet Gelsensport sportpolitische Diskussionen in der Gesellschaft und setzt sich damit auseinander.
An dieser Stelle weisen wir auf aktuelle oder grundsätzliche Strömungen in der sportpolitischen Debatte hin.

Folgende Beiträge stehen für Sie bereit:

 

Sport und Wissenschaft

Der Sport zwischen Ratlosigkeit und zukunftsweisender Orientierung
Von Prof. Dr. Helmut Digel, NOKVizepräsident, Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, Professor für Sportpädagogik und Sportsoziologie an der Universität Tübingen

Will man sich ein Bild von der Zukunft des Sports machen, so ist es angeraten, sich mit der Vergangenheit von Spiel, Turnen und Sport und mit dem modernen Sport von heute auseinander zu setzen.
Dies sollten wir uns fragen:

  • Was sind die drängenden Fragen des modernen Sports, die dringend einer Beantwortung bedürfen?
  • Ist es legitim, dass mit Mitteln des Steuerzahlers ein Hochleistungssport finanziert wird, der sich zunehmend durch eine fragwürdige Symbolik, durch betrügerische Manipulationen der sportlichen Höchstleistung und durch eine sozial ungerechte Belohnung der sportlichen Leistungen auszeichnet?
  • Ist es sinnvoll, dem Sport zunehmend eine gesundheitspolitische Last aufzubürden, obgleich es offensichtlich ist, dass die gesellschaftlich erzeugten gesundheitlichenRisiken nur bedingt auf individuelle Weise und über ein präventives Sporttreiben vermindert werden können?
  • Macht es weiterhin Sinn, Sport im öffentlichen Schulwesen als Pflichtunterricht zu organisieren, obgleich die auf ihn ausgerichteten didaktischen Ziele und Erwartungen nicht erfüllt werden können?
  • Wie kann die nach wie vor bestehende soziale Ungleichheit in bezug auf die Ausübung eines aktiven Sporttreibens vermindert oder gar überwunden werden?
  • Macht es zukünftig Sinn, die verschiedenen, die sich beobachtenden Welten des Sports zukünftig unter dem Dach einer Einheitssportbewegung zu organisieren?

Bedeutsame gesellschaftliche Aufgaben

Der Sport - so viel kann als sicher gelten - ist derzeit eine Wachstumsbranche erster Ordnung. Er findet organisiert und unorganisiert statt. Vielfältiger Sinn wird in ihm gesucht. Er erfüllt bedeutsame gesellschaftliche Funktionen - ihm werden aber auch Funktionen unterstellt, die er nicht erfüllen kann.

Der Sport erfasst alle gesellschaftlichen Schichten, alle Geschlechter, alle Altersgruppen. Er ist der bedeutsamste Inhalt unserer Alltagskultur. Er ist zu einem Massenphänomen geworden, wie es seinesgleichen sucht. Der Sport ist global und international. Er ist tragende Säule aller Fernsehprogramme; er ist wichtiger Teil der Unterhaltungsindustrie, und er erreicht einen bedeutsamen Anteil am Bruttosozialprodukt moderner Gesellschaften. Politisch erweist er sich als omnipotent.

Phänomen Sport

Es kann wohl kaum angenommen werden, dass das Phänomen Sport in der Zukunft keine Rolle spielt. Doch es spricht auch nur wenig dafür, dass sich dieses Phänomen in der Zukunft in gleicher Weise darstellen wird - so wie es heute der Fall ist. Schauen wir zurück, so erkennen wir den Wandel des Sports in Abhängigkeit zu den Veränderungen unserer Gesellschaft. Wir sehen, wie Politik, Ökonomie, Wissenschaft und Technologie den Sport beeinflusst haben. Aber wir sehen auch umgekehrt, welche Auswirkungen der Sport auf die Wirtschaft, auf die Medien, auf die Politik und auf unsere Kultur im weitesten Sinne nehmen konnte.

Der Prozess der funktionalen Ausdifferenzierung des Systems des Sports scheint fortzuschreiten; er scheint auch die Zukunft der Sportentwicklung zu prägen. So oder anders Sportarten kommen und gehen. Bestehendes verändert sich. Sowohl sinnvolle wie fragwürdige Funktionen, die wir heute noch nicht denken können, kann der Sport dabei möglicherweise erfüllen. Sport kann so sein, er kann aber auch anders sein. Er kann Organisationsformen aufweisen, wie wir sie heute kennen. Ein Blick über die Grenzen hinweg zeigt uns jedoch, dass zu allem funktionale Äquivalente existieren. Dies gilt für den Sportunterricht gleichermaßen wie für den Hochleistungssport. Es gilt für die Organisation des Sports und es gilt auch für die Politik, die sich mittels und durch Sport machen lässt.

Alles ist in Frage zu stellen

Wer heute im Sport Verantwortung trägt, wird nahezu täglich damit konfrontiert, dass wir in einer Zeit leben, in der nahezu alles, was uns überkommen ist, in Frage zu stellen ist. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass die Idee der Planbarkeit, insbesondere das Konzept des zentralen Steuerns, zumindest einem vorläufigen Ende entgegen geht.

Durchsetzungsfähigkeit verloren Die Auflösung festgefügter, hierarchisch gegliederter Standes- und Klassenverhältnisse hat eine dynamische Situation erzeugt, in der planlos reproduziert und verändert wird. Der Staat hat in dieser Situation an Durchsetzungsfähigkeit verloren. Aber auch die Ökonomie ist keineswegs so mächtig, wie es nach außen hin scheint. Akzeleration und Trägheit, Verflüssigung und Beharrungsvermögen sind die Prozesse, die unsere aktuelle Situation kennzeichnen. Ambivalenzen und Paradoxien sind jene Phänomene, mit denen wir auch im Sport zu leben haben.

„Der Pluralismus verschont nichts“

Von Hans Magnus Enzensberger, dem diese Beobachtungen zu verdanken sind, stammt die Aussage: „Der Pluralismus verschont nichts, auch die Zukunft ist nicht gegen ihn gefeit.“ Es gilt nicht mehr die Parole „no future“ - es gibt vielmehr viele Varianten der Zukunft. Forsch akzeptierte Ratlosigkeit All diese Phänomene finden sich auch im Sport; und auch die Antworten der Sportpolitiker und Sportfunktionäre zeichnen sich nicht weniger durch Ratlosigkeit aus als die der Intellektuellen, wenn es um die Zukunft des Sports geht. Forsch akzeptierte Ratlosigkeit tritt immer mehr an die Stelle zukunftsgerichteter Orientierungsversuche.

Theorie out - Praxis in

Das Leben im Augenblick wird auch im Sport zum Selbstzweck. „Gedankliche Anstrengung heißt die Parole und nach uns die Sintflut. Diese aufzuhalten haben manche bereits keinen besonderen Bock mehr. Theorie ist out, Praxis ist in, erkenntnisleitendes Interesse - was soll’s.“

Mit Enzensberger ist hier ein Trend zu erkennen, in dem die Absage an die Bemühung wesentlich ist, den Menschen weiter zu bringen. Subjekt als Baumeister des Sozialen Diesem Trend gilt es gerade auch im Sport mit Entschiedenheit entgegen zu treten. Die zukünftige Sportpolitik wird daran zu messen sein, ob sie einen Beitrag dazu leisten kann. Wollen dies die Verantwortlichen, so muss sich ihr sportpolitisches Handeln dadurch auszeichnen, dass das Subjekt auch im Sport als Baumeister des Sozialen betrachtet und es ihm ermöglicht wird, auch im Sport zum Baumeister seine eigenen Gemeinde- und Lebenswelt zu werden.

 

 



Sport soll weiter verstärkt gefördert werden

Allen Spar- und Koalitionszwängen zum Trotz wird der Staat zudem auch in Zukunft an der Förderung des Sports festhalten. "Der Sport ist angesichts der Kürzungen in anderen Bereichen über Gebühr bedient worden. Das soll auch im neuen Haushaltsentwurf so bleiben", sagte Beucher am Ende der 14. Legislaturperiode.

"Angesichts der höheren Anforderungen des Sports kann die Antwort nicht lauten: Der Staat gibt noch mehr Geld. Das ist unrealistisch. Die Kernfrage wird sein, wie wir die funktionierenden Systeme trotzdem aufrecht erhalten können", meinte Klaus Riegert als sportpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion.

Auch Winfried Hermann von den Grünen ist sicher, dass der Leistungssport nach der Bundestagswahl von dramatischen Einsparungen verschont bleiben wird. In den Jahren 1998 bis 2001 wurden vom Bund 790 Millionen Euro an Fördermitteln bereit gestellt, in den vier Jahren zuvor waren es 673 Millionen Euro. "Man wird nicht mehr alles weiterfördern können, aber wir brauchen eine Allparteien-Koalition für den Sport, sonst können wir die deutsche Olympiabewerbung für 2012 vergessen", betonte Hermann und ist sich mit Riegert einig: Es führt nichts an der Konzentration innerhalb der Verbände und der Frage vorbei, ob bei einigen Sportarten die Förderung eingeschränkt oder eingestellt werden soll.

Diese Sicht deckt sich mit der Auffassung des Deutschen Sportbundes (DSB). Präsident Manfred von Richthofen: "Es darf keine Tabus geben. Einige Sportarten in Frage zu stellen, muss erlaubt sein. Wir werden künftig nicht umhin können, stärker Schwerpunkte zu setzen." Der Schul- und Gesundheitssport soll in Zukunft noch stärker ins Blickfeld gerückt werden. "Es ist das Frustrierendste überhaupt, dass die Gesundheitspolitik den Sport derzeit fast vollkommen ausblendet", beklagte Riegert.

"Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz, auch wenn der Schwerpunkt der Zuständigkeit im Spitzensport liegt. Was in den Spitzensport investiert wird, kommt auch dem Breitensport zu Gute", sagte Bundesinnenminister Schily.
Quelle: aragvid-sid 08/02

"Hauptsache Sport"

10 Argumente zur zukünftigen Sportpolitik in Gelsenkirchen

Ein Diskussionsbeitrag von Dr. H.Pruin (Geschäftsführer Gelsensport)

... Partner in Sachen Sport

 

Index

  1. Haushaltsplanung, Zukunftsperspektiven und eigenständiger Sportausschuss
  2. Tagespraxis und sportwissenschaftliche Beratung
  3. Umfassende Bestandsaufnahme des Sports in der Stadt
  4. Ein Sportberatungsbüro für Gelsenkirchen
  5. Übungsleiter fit machen für die Zukunft
  6. Sanierung der Kernsportstätten - eine zentrale Aufgabe der Sportpolitik
  7. Verlässliche schulische Ganztagsangebot für Kinder und Jugendliche und die Rolle des Sports
  8. Sport und Gesundheit - ein interdisziplinäres Zukunftsfeld
  9. Trendsport - ein Renner für Kinder und Jugendliche
  10. Leistungssport und Sponsoring

Vorwort:

Gelsensport erhebt den Anspruch von Zeit zu Zeit Vorschläge und Entscheidungsperspektiven für den Sport in Gelsenkirchen vorzulegen. Nach dem Breitensportentwicklungsplan und zahlreichen Materialien für einzelne Handlungsfelder haben wir 1999 ein umfangreiches Papier über „Die Zukunftsfähigkeit des Sports in Gelsenkirchen“ vorgelegt.

Wir haben damals - im unmittelbaren Umfeld der Kommunalwahl - eine Reihe von Ideen entwickelt, die fast ausschließlich die Binnenperspektive des organisierten Sports umfassten. Einiges konnte abgearbeitet werden, vieles noch nicht. Von daher hat das 99er Papier auch heute noch in vielen Teilen Gültigkeit. Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen kontinuierlich weiter-entwickelt und darauf wollen wir wieder reagieren und weitere Vorschläge für die zukünftige Entwicklung des Sports in unserer Stadt vorlegen. Obwohl wir nach wie vor in erster Linie die Interessenorganisation der Gelsenkirchener Sportvereine sind, haben wir den Blick nun weiter gefasst und zwar in Richtung interdisziplinärer Ansätze verschiedener kommunaler Arbeitsfelder.

Die Menschen wollen in vielfältigeren Organisationsformen immer mehr Sportangebote wahrnehmen und zwar aus sehr unterschiedlichen Motiven und Erwartungshaltungen heraus. Aber auch das Selbstverständnis der Sportvereine unterliegt Veränderungen: Mitglieder empfinden und verhalten sich zum Teil nicht als Mitglieder des Vereins, sondern benutzen ihn vorwiegend zur Realisierung ihrer persönlichen Bedürfnisse. Vereinsphilosophie, Aufgaben und Angebote, Führungsverständnis, Mitarbeiter- und Organisationsstruktur werden von den Erwartungen und dem Verhalten der Mitglieder maßgeblich beeinflusst. Die Bereitschaft zur Mitarbeit sinkt und vielen Vereinen haftet im Gegensatz zum kommerziellen Anbieter noch etwas Althergebrachtes an. Innovationsprozesse gestalten sich oftmals schwierig. Vereine stehen in zunehmender Konkurrenz untereinander und mit anderen Sportanbietern. Insbesondere die Zukunft kleinerer Vereine ist immer häufiger gefährdet, weil die Bindung der Mitglieder sinkt.

Das Erscheinungsbild der Sportvereine ist in seinen Organisations- und Aktivitätsformen außerordentlich unterschiedlich. Obwohl die Sportvereinslandschaft das Sportbild prägt, nehmen die kommerziellen Angebote zu und treiben viele Menschen in den unorganisierten Sport. Sport wird außerhalb des Berufslebens - innerhalb der individuellen Lebensplanung - zu einem immer wichtigerem Faktor. Dabei spielen auch Gesundheitsmotive eine bedeutsame Rolle. Aber auch Trends und veränderte Lebensstile beeinflussen die Sportlandschaft. Allgemein bekannt ist auch die Tatsache, dass die Sportwirtschaft boomt und viele Lebensbereiche durchzieht. In den Kommunen wird der Stellenwert des Sports als Standortfaktor zunehmend erkannt; hier liegt auch eine große Chance für den Sport. Diesen Problemfeldern und den daraus resultierenden Fragen stellen wir uns. Für viele Bürgerinnen und Bürger wird aus der „schönsten Nebensache der Welt“ zumindest in der Freizeit die „Hauptsache Sport“.

Jürgen Deimel               Dr. Günter Pruin
- 1. Vorsitzender -         - Geschäftsführer -

I. Haushaltsplanung, Zukunftsperspektiven und eigenständiger Sportausschuss

Gelsenkirchen braucht Zukunftsfähigkeit und Perspektiven für die gesamte Stadtentwicklung und damit auch für das Politikfeld „Sport“. Besonders schwer ist die Entwicklung von Visionen und Leitbildern, wenn dies kontinuierlich unter dem Zwang strikter Ausgabenbegrenzung und der Notwendigkeit der Haushaltskonsolidierung geschehen muss.

Wenn Sportpolitik kaum noch Freiräume für Gestaltungsprozesse hat, bedarf es schon einer besonderen Motivation, immer wieder neue Wege zu suchen und das dünne Eis der Realisierung zu betreten.

Seit 1986 (!) sind wir diesem Druck ausgesetzt. Trotzdem haben wir immer wieder Mittel und Wege gefunden, substantielle Gefährdungen abzuwenden - teilweise mit dem Rücken zur Wand. Selbstverständlich haben die Vereine in diesem Prozess einen einmaligen Eigenanteil eingebracht; kein anderer vergleichbarer Politikbereich hat dies auch nur annähernd verwirklicht.

Besonders stolz sind wir darauf, dass alle Entwicklungen konsensuell und unabhängig von parteipolitischen Auseinandersetzungen vollzogen wurden. Dies schloss zwar etliche Scharmützel im Vorfeld von Beschlüssen nicht aus; am Ende aber gab es dann immer gemeinsame Entscheidungen. Nicht zuletzt deshalb hat sich das vermeintlich brüchige Eis doch noch als relativ sichere Wegstrecke herausgestellt.

Es entbehrt deshalb nicht einer gewissen Ironie, wenn zum Zeitpunkt der ersten Vorbereitungen zu unserer Mitgliederversammlung wieder einmal ein starker Druck entsteht und Bewirtschaftungslisten und Haushaltssperren neue Hindernisse in Richtung Innovation und Zukunft aufbauen.
All das darf uns nicht davon abhalten, den Blick nach vorn zu richten, um auch weiterhin Perspektiven für den Sport in unserer Stadt aufzuzeigen. Stillstand können wir uns nicht erlauben.

Zwei Jahre sind seit dem Sportforum „Zur Zukunftsfähigkeit des Sports in Gelsenkirchen“ mittlerweile vergangen. Nach der Kommunalwahl ist es zuerst gelungen, einen neuen Sportförderungsplan durch den Rat der Stadt zu verabschieden. Abweichend von konventionellen Sportförderrichtlinien haben die Stadt und Gelsensport auf der Basis eines intensiven Dialogs mit allen im Sport und für den Sport aktiven Menschen und Gruppen einen neuen Sportförderungsplan entwickelt, der alle materiellen und immateriellen Förderaspekte mit einschließt.
Dieser zukunftsorientierte Sportförderungsplan der Stadt Gelsenkirchen ist primär an dem Ziel ausgerichtet, den Sportvereinen und allen am Sport interessierten Menschen einen umfassenden und aktuellen Überblick zu geben, welche Fördermaßnahmen und zu unterstützenden Projekte durch die Stadt und Gelsensport angeboten werden.
Orientiert an dieser Grundintention soll es immer dann eine Fortschreibung des Plans geben, wenn sich relevante Rahmenbedingungen und Bedürfnisse hinsichtlich der Sportförderung weiter entwickeln oder verändern.

Ein weiterer positiver Aspekt der Gelsenkirchener Sportpolitik wird am 15.11.2001 verwirklicht: Während in anderen Städten Sportausschüsse ihre Selbständigkeit verloren haben oder ganz aufgelöst wurden, wird es in Gelsenkirchen im Zuge der Verwaltungsreform wieder einen eigenständigen Sportausschuss geben. Grundsätzlich erhalten der Sport und die Sportpolitiker damit die einmalige Chance, ein Forum zu implementieren, das die aktuellen und zukünftigen Probleme des Breiten- und Leistungssports kontinuierlich diskutiert. Dies ist eine wichtige Entwicklungsperspektive, die über die traditionelle Vorberatung und Erörterung von Beschlüssen hinausweist. Ebenfalls muss sich zeigen, inwieweit der Sportausschuss neben der Vorberatung von Entscheidungen der Bezirksvertretungen, des HFBP und des Rates nicht auch eine Beschlusskompetenz für überbezirkliche Angelegenheiten bis zu einer bestimmten Größenordnung erhält. Wir werden auch in diesem Papier Vorschläge vorlegen, die für eine Zukunftsperspektive des Sports und damit auch für die Arbeit des Sportausschusses relevant sind.

Der traditionell durch die Vereine organisierte Sport gerät mittlerweile immer stärker unter Druck. Der sich weiter beschleunigende gesellschaftliche Wandel mit seinen tiefgreifenden Konsequenzen für die Menschen und die Ausgestaltung ihrer Lebensbedingungen und Arbeitsplätze; die fortschreitende Individualisierung etc. gehen einher mit sich immer weiter ausdifferenzierenden Sportrollen und -bedürfnissen.
Das einstmalige Monopol der Sportvereine und -verbände relativiert sich. Die Bindungen an den Verein alter Prägung lassen nach und es zeigt sich, dass Sportvereine von vielen Sport treibenden auf ihre Dienstleistungsfunktion und das damit einhergehende Angebot reduziert werden.

Zunehmend treten kommerzielle Anbieter auf und der vereinsunabhängige Sport gewinnt zunehmend an Bedeutung. Trend- und Ausdauersportarten erhalten insbesondere bei Jugendlichen einen immer höheren Stellenwert.

Natürlich werden die Vereine auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen, aber die Ansprüche an sie werden immer komplexer und vielschichtiger. Zunehmende Professionalität wird nachgefragt und zwar sowohl für das Vereinsmanagement als auch für die Angebotsstruktur und die Qualität der Übungsleiter. Gesundheitsorientierte Ansprüche nehmen zu und dies muss alles zusätzlich zu den auch weiterhin traditionellen Ansprüchen abgearbeitet werden. Dies alles ist für ein primär ehrenamtlich organisiertes Vereinsleben eine immense Herausforderung, die auch schnell in Überforderung und Resignation umschlagen kann. Eine kommunale Politik, die diesen Prozessen vorausschauend und nicht nur reaktiv begegnen will, muss große Anstrengungen unternehmen, um der gewachsenen Bedeutung des Sports in der Alltagskultur in seinen vielfältigen Inhalten und Formen gerecht zu werden.

Die Stadt, die Politik und Gelsensport müssen hier aktivierende und unterstützende Funktionen wahrnehmen, um das soziale Kapital und die Integrationsleistungen, die der (organisierte) Sport erbringt, für die gesamte Stadtentwicklung zu erhalten und auszubauen. Hier könnte dem Sportausschuss eine große Bedeutung zuwachsen, indem er zu einer umfassenden Diskussions- und Entscheidungsgröße in diesem Zukunftsmodell wird:

  1. An zentraler Stelle können dabei die Vorberatung der Vergabe der Sportfördermittel durch die Bezirksvertretungen und die Entscheidung der Vergabe der Haushaltsmittel für die überbezirklichen Sportanlagen stehen. An dieser Stelle kommt auch die Kontraktfähigkeit des Sportausschusses ins Spiel. Kontraktpartner in diesem speziellen Fall der Organisation des Sports in Gelsenkirchen wäre dann Gelsensport.
  2. Der Sportausschuss kann alle wichtigen Entwicklungsprojekte politisch begleiten. Der neue Sportförderungsplan und das vorliegende Papier enthalten genügend relevante Ansätze.
  3. Auch für Sportbauvorhaben wäre der Sportausschuss im Zusammenspiel mit den tangierten Referaten, Fachbereichen und Fachausschüssen mit der entsprechenden Beratungs- und Entscheidungskompetenz auszustatten. Dies ist ein überaus wichtiges Handlungsfeld, denn bezüglich der Gelsenkirchener Kernsportstätten und der entsprechenden Gebäude besteht ein nicht unerheblicher Investitionsstau.
  4. Sitzungen des Sportausschusses sollen unter Berücksichtigung der Interessen der Sportvereine dezentral auf Sportanlagen oder Hallen in den jeweiligen Stadtbezirken stattfinden. Dies beinhaltet, dass ein wichtiger Tagesordnungspunkt jeder Sitzung die Auseinandersetzung mit den Problemen der im Ortsteil ansässigen Vereine sein sollte.
  5. Des Weiteren muss der Sportausschuss aber auch Gesprächsstrukturen aufbauen, die die anderen Sportanbieter und diejenigen, die unorganisiert Sport treiben, berücksichtigt.

II. Tagespraxis und sportwissenschaftliche Beratung

Die Sicherung der Infrastruktur des organisierten Sports durch das Gelsenkirchener Modell und die Institutionalisierung eines neuen Sportausschusses muss für die Politik, die Stadt und für Gelsensport der Anfang sein sich neu zu positionieren. Dabei kann der Sportwissenschaft durchaus die Rolle eines Katalysators zukommen. Es ist durchaus hilfreich aus dem Dickicht der Tagespraxis heraus auch die - wenn auch spärliche - Diskussion zur kommunalen Sportpolitik im wissenschaftlichen Umfeld zu blicken. Dabei müssen wir in der tagtäglichen Arbeit den Spagat zwischen den traditionellen Aufgaben und innovativen Projekten schaffen, um eine moderne Form kommunaler Sportpolitik realisieren zu können.

Die traditionellen Aufgaben (Sportstättenvergabe, Sportförderung, Pflege und Unterhaltung der Sportanlagen, Ausschussarbeit) müssen weitergeführt und optimiert werden; gleichzeitig muss die Sportpolitik und die Dachorganisation der Gelsenkirchener Sportvereine die Sportentwicklung im Auge behalten, um daraus Konsequenzen für die Sportberatung und das Sportmanagement unter dem Leitgedanken der Vereinsinnovation, der Bürgernähe und der Kundenfreundlichkeit weiterentwickeln.

Gelsensport und die Stadt Gelsenkirchen müssen die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass das Sportangebot in unserer Stadt in seiner Gesamtheit an die veränderten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen für den Sport, an die aktuelle gesellschaftspolitische Bedeutung des Sports und an die veränderte Zielorientierung der Sport treibenden Menschen ausgerichtet und kontinuierlich fortentwickelt werden kann. Dazu gehören auch Bürgernähe und offensive Öffentlichkeitsarbeit. Wir dürfen nicht darauf setzen, dass sich die Entwicklung der Sportlandschaft quasi natürlich fortsetzt, sondern haben gemeinsam in gesamtstädtischer Verantwortung auch in planerischer Hinsicht Akzente zu setzen.

Sportpolitik und kommunales Handeln im Sport muss den engen Bereich der aktuellen Tätigkeitsfelder verlassen und über den eigenen Tellerrand hinaus tätig werden. In der Sportwissenschaft wird dies als intersektorales Handeln definiert. Damit wird ein Politikmodell gekennzeichnet, „das die mit der Ausdifferenzierung unterschiedlicher Politikbereiche (und Wissenschaftsdisziplinen) verbundenen Probleme isolierter und unzureichender Problemsichten und Lösungsansätze durch interaktive Konzepte der Politiksteuerung kompensieren will.“

III. Umfassende Bestandsaufnahme des Sports in der Stadt

Für eine aktivierende Sportpolitik brauchen wir eine umfassende Bestandsaufnahme der Sportangebote in Gelsenkirchen. Die Situation der Sportvereine ist gut dokumentiert, obwohl eine Erfassung insbesondere der Aktivitäten des nicht sportartenbezogenen Bereiches folgen muss. Angebote im kommerziellen Bereich, bei Kirchen, beim Gesundheitsamt und der VHS, bei Wohlfahrtsverbänden etc. sind nicht registriert. Das Gleiche gilt für Sport-, Spiel- und Bewegungsräume außerhalb der genormten Sportstätten. Dies alles muss umfassend zusammengestellt werden, damit die Facetten der vielfältigen Sportangebote dokumentiert werden können.

IV. Ein Sportberatungsbüro für Gelsenkirchen

Vor zwei Jahren hatten wir für den Sport in Gelsenkirchen das Ziel vorgegeben, dass zur Beratung der Sportvereine in den unterschiedlichsten Management- und Steuerfragen ein spezieller Referent zur Verfügung stehen soll. Dabei hatten wir unser Augenmerk ausschließlich auf die Sportvereine gerichtet. Obwohl die meisten Menschen in Gelsenkirchen nach wie vor über die Sportvereine zum Sport gelangen, greift ein solcher Ansatz zu kurz. Nach wie vor halten wir die Beratung und Unterstützung von ehrenamtlich Verantwortlichen in Sportvereinen für einen zentralen Baustein kommunaler Sportpolitik. Gleichzeitig gilt es den Adressatenkreis unserer Beratung auszuweiten.

Über die Vereine hinaus erhält der Sport in der Alltagskultur von immer mehr Menschen eine erhebliche Bedeutungssteigerung. Neueste Zahlen der Sporthochschule Köln heben hervor, dass die Rangfolge der Sportaktivitäten zu 30 % von den Sportvereinen und zu 12 % von kommerziellen Anbietern bestimmt wird. 56 % der Menschen sind in irgendeiner Form unorganisiert sportlich aktiv. Mittlerweile bieten viele gemeinnützige und kommunale Einrichtungen ihren Zielgruppen sportliche Möglichkeiten an. Kommerzielle Anbieter erobern sich zunehmend Marktanteile. Dadurch entstehen einerseits Wettbewerbssituationen, andererseits aber auch Angebotsstrukturen, die nebeneinander ihre Berechtigung haben.

Deshalb will Gelsensport ein integratives Sportberatungsbüro etablieren, das sich nicht nur auf den Bereich der unmittelbaren Vereinsberatung bezieht. Wir müssen den Sportvereinen helfen, den immensen Wandel der Sportlandschaft und der Sportbedürfnisse zu verarbeiten und als Dachorganisation zusammen mit den Fachverbänden hierfür Entwicklungskonzepte erarbeiten; gleichzeitig aber auch der starken Klientel außerhalb der Vereine Beratung und Unterstützung anbieten. In diesem Kontext ist die Idee des Sportberatungsbüros bei Gelsensport entstanden, das beide Pole dieser ausdifferenzierten Entwicklung berücksichtigt und auch aufeinander bezieht. Unter dem Gesichtspunkt kundenorientierter Dienstleistung soll die Beratung sukzessive ausgebaut werden. Dabei wollen wir auch die Möglichkeiten des Internets mit einbeziehen.

V. Übungsleiter fit machen für die Zukunft

Neben der unmittelbaren Sportberatung kommt der Rekrutierung und der Bindung von Organisations- und Übungsleitern eine wichtige Rolle zu. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Gewinnung von Übungsleitern und ehrenamtlichen Funktionären für das Vereinsmanagement nicht immer einfach ist. Besonders wichtig ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass das Engagement nicht durch Unsicherheit und Sorgen geprägt sind, dem Management und insbesondere den buchhalterischen und steuerrechtlichen Problemstellungen nicht gerecht zu werden.

Da sich auch Ansprüche von Vereinsmitgliedern ändern, ist es besonders wichtig - gerade auch in Angebotsbereichen, in denen die Vereine in Konkurrenz zu anderen Anbietern stehen - regelmäßig Fortbildungsangebote zu initiieren, die die Übungsleiter fit machen, mit einer immer anspruchsvoller werdenden Klientel umzugehen. Qualifizierte Angebotsstrukturen, die ein höheres Qualifikationsniveau der Übungsleiter voraussetzen, gibt es nicht zum Nulltarif. Das ist sehr wichtig für die Kalkulation der Beiträge. Insbesondere wenn die Bindungsbereitschaft von Menschen an den Verein nachlässt, stellt sich die Frage, inwieweit nicht auch befristete Angebote (z. B. Kurse) die übliche Form von Mitgliedschaft ergänzen können. Hier gibt es durchaus Diskussionsbedarf, um den eigenen Verein am Markt zu positionieren. Gleichzeitig wird es eine Vielzahl von Sportvereinen geben, die diesen Weg der Veränderung nicht oder nur sehr eingeschränkt mitgehen wollen. Dies ist das legitime Recht eines jeden einzelnen Vereins. Auf das Bildungswerk von Gelsensport kommen hier eine Vielzahl von Aufgaben zu, diesen Entwicklungsprozess durch entsprechende Qualifizierungsangebote zu begleiten.

VI. Sanierung der Kernsportstätten - eine zentrale Aufgabe der Sportpolitik

Die aktuelle politische Diskussion über den Zustand der Sportanlagen - oder genauer: über die Gebäude auf den Sportanlagen - darf nicht zur Falle für die Vereine und deren Dachorganisation werden. Deshalb ist noch einmal von besonderer Bedeutung, politische Verantwortlichkeiten herauszuarbeiten:

Durch das Gelsenkirchener Modell wurde ausschließlich die laufende Pflege und Unterhaltung der Außensportanlagen im Bereich der Kernsportstätten und des Begleitgrüns geregelt. Hier haben Gelsensport und die zuständigen Vereine eine relativ genau definierte Aufgabe übernommen und zwar im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel im sogenannten Sporthaushalt, dem Einzelplan 5. Der kommunale Haushalt wurde durch die Übertragung der Sportanlagen und durch die Ausweitung der Schlüsselverantwortung erheblich entlastet, indem die Platzwarte und die Platzarbeiter sozialverträglich in andere Bereich umgesetzt wurden. Dieses Verfahren der stärkeren Verantwortung der Vereine zur Entlastung kommunaler Haushalte und/oder die Einführung von Betriebskostenzuschüssen ist mittlerweile im organisierten Sport dominant. Durch das Gelsenkirchener Modell wurde die vertraglich vereinbarte Höhe der Sportförderung festgeschrieben und hat somit den Status einer freiwilligen Leistung verloren. Für den Gelsenkirchener Sport ist dies ein wichtiger Pluspunkt gegenüber dem Sport in anderen Städten. Gleichzeitig wurde aber von allen Beteiligten in Kauf genommen, dass bei einer Personalreduzierung, in dem vorgenommenen erheblichen Umfang, die Qualität der Unterhaltung und Pflege der Sportstätten leiden könnte. Nun haben die Vereine im Zusammenspiel mit Gelsensport dafür gesorgt, dass dieser Fall im Großen und Ganzen so nicht eingetreten ist.

Davon genau zu trennen ist aber der grundsätzliche Zustand der Sportanlagen und der dazugehörenden Gebäude (Jugendräume, Umkleiden, Sanitär- und Heizräume). Grundlegende Sanierungen von Außensportanlagen incl. der wichtigen Versorgungseinrichtungen in den Gebäuden können aus dem laufenden Etat nicht bestritten werden. Trotzdem hat Gelsensport auch hier immer wieder durch bestimmte Maßnahmen große Anstrengungen im Sanierungsbereich unternommen. Sanierungsprojekte sind abhängig von den im Haushalt eingestellten Mitteln. Von daher ist es sehr zu begrüßen, wenn der Rat der Stadt jährlich 500.000 DM für diesen Bereich zur Verfügung stellt. Zumindest ein Teil des immensen Investitionsstaus kann dann abgearbeitet werden.

Es gibt zur Zeit in Gelsenkirchen eine sehr intensive Diskussion darüber, wie die begrenzten Mittel zur Unterhaltung von Sportstätten einzusetzen sind. Dabei geht es um drei Bereiche zum einen um die Kernsportstätten und zum anderen um die Gebäude. Darüber hinaus sind flankierende Maßnahmen auf den Sportanlagen notwendig (Verkehrssicherungspflicht). Gelsensport geht davon aus, dass die Kernsportstätten an aller erster Stelle saniert werden müssen, wozu auch eine ordnungsgemäße Benutzbarkeit der entsprechenden Umkleidekabinen etc. gehört. Die Verkehrssicherungspflicht muss selbstverständlich gewährleistet werden.

Notwendig ist vor allen Dingen eine Bestandsaufnahme des Zustandes der Außensportanlagen in Gelsenkirchen; anschließend bedarf es eines Prioritätenkatalogs zur Sanierung der Sportstätten. Dabei kann es aber nur um realitätsgerechte Lösungen gehen und nicht um Vorschläge großflächiger und umfassender Sanierungen, die anderer investiver Maßnahmen bedürfen. Eine weitere wichtige Aufgabe für den neuen Sportausschuss.

VII. Verlässliche schulische Ganztagsangebot für Kinder und Jugendliche und die Rolle des Sports

Der tiefgreifende gesellschaftliche Wandel hat die Bedingungen des Aufwachsens für Kinder und Jugendliche grundlegend verändert. Immer mehr Eltern fordern heute mit großer Selbstverständlichkeit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Normalarbeitszeitverhältnisse erodieren; die flexible Arbeitszeitgestaltung schreitet voran und der Arbeitsdruck wird zunehmend stärker. Schulische Ganztagsangebote finden eine Resonanz wie nie zuvor. Der Veränderungsprozess der Gesellschaft führt zu einer immensen Nachfrage nach flexibler, zeitlich verlässlicher Betreuung, die nach dem Kindergarten ihre Fortsetzung in Angeboten für Schulkinder finden sollte. Den Eltern geht’s dabei nicht allein um „sichere Verwahrung“ ihrer Kinder, sondern durchaus auch um Erziehung in und zur Gemeinschaft mit anderen Kindern sowie um zusätzliche Förderung, etwa im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften, Sportangeboten und Hausaufgabenhilfe. Ein ganzheitliches „Angebot unter einem Dach“ in der Schule wird von immer mehr Eltern und Kindern gewünscht.

Dies wird zu einem immer wichtigerem Feld kommunalpolitischen Handelns. Zur Zeit sind die einzelnen Handlungsfelder noch vielfach institutionell getrennt: Schule, Jugendhilfe und Sport sind Bereiche mit unterschiedlichen Traditionen und eigenen Zielsetzungen. Es bestehen verschiedene fachliche Ansätze, verschiedene Professionen mit unterschiedlichen Ausbildungsinstitutionen, Bezahlungen und Finanzierungssystemen. Insgesamt haben wir es mit einem komplexen Konkurrenzsystem zu tun. Trotzdem wird es perspektivisch zu einer Verstärkung der Vernetzung mit Aktivitäten von Schule mit weiteren Kooperationspartnern, wie Jugendverbänden, Musikschulen, Museen etc. kommen und der organisierte Sport muss frühzeitig dafür Sorge tragen, dass er in die sich entwickelnde bereichs-übergreifende fachliche Zusammenarbeit eingebunden wird. Ein Koordinierungsausschuss Sport wäre ein ideales Bindeglied im Rahmen eines Kooperationsverbundes zur Realisierung vernetzter Projektarbeit auf lokaler Ebene.

VIII. Sport und Gesundheit - ein interdisziplinäres Zukunftsfeld

Sport und Gesundheit sind satzungsgemäße und damit zentrale Handlungsfelder von Gelsensport. Die steigende Nachfrage nach gesundheits-orientierten Sportangeboten ist ein Ausdruck für das große Interesse der Menschen an anderen Formen des Sports. Wir müssen neue und angemessene Inhalte sowie Organisationsformen aufgreifen und für unsere Vereine exemplarisch entwickeln. Obwohl Gelsensport durch sein umfangreiches Programm „Sport und Gesundheit“ im Rahmen seines Bildungswerkes ein vielfältiges Kaleidoskop von gesundheitsorientierten Angeboten bereitstellt, müssen wir unser Profil in diesem überaus wichtigen Handlungsfeld stärken, die Vereine noch mehr über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten ganzheitlicher Gesundheitsangebote informieren und dazu im Bereich der Übungsleiterqualifikationen einen besonderen Schwerpunkt entwickeln. Dies gilt insbesondere auf dem Hintergrund veränderter Krankheitspanoramen wie der Herz-Kreislauf- und Wirbelsäulenerkrankungen etc.

Isolierte Pfade müssen verlassen werden, und die kommunale Sportpolitik muss die gewandelten Sportbedürfnisse und die daraus resultierenden Erwartungshaltungen bezüglich des Gesundheitssports aufnehmen und inter-disziplinäre Ansätze im Zusammenwirken von Sportvereinen und -verbänden sowie kommunaler Einrichtungen und anderer Träger zu initiieren. Grundsätzlich kann nicht davon ausgegangen werden, dass der organisierte Sport in seiner Alltagspraxis zwangsläufig zur Gesundheitsförderung führt. Es ist aber bedeutsam, dass immer mehr Vereine und Verbände durch besonders geeignete Programme im Bereich der Prävention tätig werden.

Das allein reicht aber nicht aus. Obwohl der Sport im Zusammenhang des geänderten Nachfrageverhaltens großer Teile der Bevölkerung neue Gesundheitsangebote entwickelt hat, müssen neue Kooperationspartner gefunden werden.

Dabei kann die kommunale Gesundheitsförderung auf dem Hintergrund sogenannter Public-Health-Strategien eine wichtige Rolle übernehmen. Die Eindimensionalität des ausschließlichen Blicks auf den Sport muss zugunsten eines weiten Panoramas überwunden werden, um die überaus wichtigen Be-reiche Ernährung, Stressbewältigung, Sucht etc. Gerade im Kontext des § 20 SGB V wird dies bedeutsam. Die Qualitätsdebatte über die Angebote spielt eine immer größer werdende Rolle. Perspektivisch werden zunächst zwei Bereiche dargestellt, wo die unterschiedlichen Akteure kommunaler Gesundheitsförderung zusammenwirken könnten.

   (a)Wirtschaft und öffentlicher Dienst durchleben einen strukturellen Wandel. Sie setzen auf hochwertige Technologien und neue Arbeits-modelle. Beides setzt geschultes Personal voraus. Engpässe und zusätzliche Kosten können nur vermieden werden, wenn für gesunde Arbeitsbedingungen und die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Sorge getragen wird. Unternehmen sind verpflichtet, in allen betrieblichen Vorgängen und Entscheidungen die Gesundheit als wichtigen Faktor einzubeziehen. Auch Arbeitsschutz und Unfallversicherungsträger sollen die Ursachen für arbeitsbedingte Gesundheits-gefahren bekämpfen und nicht nur Unfallrisiken senken und vor Unfallfolgen warnen. Ökonomisch formuliert geht es darüber hinaus um das Senken von Fehlzeiten, der Verbesserung des Arbeitsklimas und der Verringerung von Stress. Deshalb ist die betriebliche Gesundheitsförderung ein besonders notwendiges und innovatives Betätigungsfeld für den organisierten Sport und anderer Partner der kommunalen Sportförderung.

Partner in diesem Prozess können die Vereine und Gelsensport sein, indem sie spezifische Aufgaben erfüllen:
  1. Neue Teilnehmergruppen werden erschlossen, z. B. berufstätige Frauen, Vorruheständler, sportliche Wiedereinsteiger.
  2. Die Breitensportangebote werden um gesundheitsorientierte Bewegungsformen erweitert, die auf die Anforderungen der Arbeitswelt abgestimmt werden können.
  3. Neue und zeitgemäße Organisationsformen werden erprobt, z. B. ein Kurssystem, das auf die Wünsche von Berufstätigen eingehen und auf andere Zielgruppen übertragen werden kann.

Der Beitrag, den der organisierte Sport den Unternehmen anbietet, beinhaltet arbeitsplatznahe Angebote, wie auch solche im Umfeld des Betriebes. Er beschränkt sich nicht auf die Durchführung gesundheitsorientierter Kurse, sondern umfasst die gesamte Bandbreite der fachlichen Kompetenzen und strukturellen Voraussetzungen, die für eine zielgerichtete Gesundheitsförderung notwendig sind. Hier sind kommunale Einrichtungen und die Krankenkassen wichtige Partner des Sports.

   (b)Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass der Gesundheitszustand unserer Kinder immer schlechter wird. Die Zahl der motorisch auffälligen Kinder vergrößert sich ständig. Die statistischen Erhebungen der Schuleingangsuntersuchungen der letzten zwei Jahre zeigen in Gelsenkirchen bei nahezu jedem 4. bis 5. Kind Defizite im Bereich der Stütz- und Haltungsmuskulatur. Zusätzlich zeigt jedes 5. bis 6. Kind Koordinationsschwächen. 6 bis 8 % der Einschulungskinder sind über-gewichtig. Die Ursachen sind:

  • Bewegungseinschränkungen im Lebensumfeld der Kinder bedingt durch zunehmenden Verkehr, räumliche Einengung des Wohnumfeldes, Zeitmangel und intensive Nutzung von Kraftfahrzeugen.
  • Mangelnde Bewegungserfahrung; freies Spielen, Rennen, Toben, Klettern findet kaum noch statt. Rückgang der zum Spielen geeig-neten Freiflächen, zu Gunsten des steigenden Autoverkehrs.
  • Unkontrollierter Umgang mit Kommunikationsmedien und veränderter Freizeitbeschäftigung mit Fernsehen und Computer.

Der „Sitzstress“ nimmt zu. Die wirbelsäulenstabilisierende Muskulatur wird nur noch unzureichend gekräftigt. Die Hauptursache ist der Bewegungsmangel. Es gilt, den natürlichen Bewegungsdrang der Kinder wieder zu fördern. Ständiger Bewegungsmangel führt nicht nur zu Übergewicht; in den späteren Lebensabschnitten machen sich auch Rückenschmerzen und andere gesundheitliche Probleme bemerkbar. Ausreichende Bewegung ist nicht nur für die körperliche, sondern auch für die geistige Entwicklung wichtig.

Zielsetzung ist:
Primäre Prävention:
das heißt Freude an Bewegung wieder zu wecken, die Kinder zum „be-wegten Leben“ zu erziehen unter Einbeziehung der häuslichen Umgebung.
Sekundäre Prävention:
eine umfassende Förderung der motorischen, koordinativen Entwicklungen anzustreben; Defizite der Stütz- und Haltungsmuskulatur auszugleichen und Übergewicht entgegenzuwirken.

Das Projekt kann auf besondere Weise deutlich machen, dass eine inter-disziplinäre Zusammenarbeit von Tageseinrichtungen für Kinder, Eltern, Schulen, Sport- und Bewegungstherapeuten, der Jugend- und Gesundheitsverwaltung sowie aller sportfördernden Institutionen unverzichtbar ist.

Die Bewegungsförderung darf nicht auf eine Stunde pro Woche (z. B. Kindergarten/Schule) begrenzt werden, sondern muss Bestandteil des Alltags sein. Die Aufklärungsarbeit der Eltern trägt entscheidend dazu bei, Bewegungsförderung in den Familienalltag mit einzubeziehen, z. B. wird während der Einschulungsuntersuchungen auf Haltungs- und Bewegungsdefizite aufmerksam gemacht und die Eltern werden durch Informations-material versorgt. In Zukunft sollte die Präventionsarbeit weiter vertieft und strukturiert werden. Erste Arbeitsschritte des Projekts „Kinder mit mangelnder Bewegungserfahrung“ werden z. Z. in einem Modellprojekt realisiert.

Nach Ablauf dieses Projekts wäre eine gemeinsame Fortbildung aller Beteiligten anzustreben mit der Zielsetzung zur Entwicklung und Betreuung von Bewegungsprojekten in Tageseinrichtungen für Kinder und Schulen in Gelsenkirchen.

Bewegungsförderung sollte künftig nicht auf wenige Schulen und Tageseinrichtungen für Kinder begrenzt sein. Es gilt langfristig Multiplikatoren mit der Zielsetzung zu schulen, mehr Bewegung in den Tageseinrichtungen für Kinder und Schulen als „Bewegungskonzept für Gelsenkirchen“ zu entwickeln. Kinder, die an der Bewegungsförderung teilnehmen, sollten vor Antritt der Förderung und nach einem Jahr motorisch getestet werden, damit eine Aussage über den Erfolg der Bewegungsförderung gemacht werden kann. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist dabei, die Freude und den Spaß an der Bewegung zu wecken und im Alltag umzusetzen. Ohne positive Motivation ist keine Verhaltensänderung bei mangelnder Bewegung der Kinder zu erzielen. Eine schulortnahe Kooperation zwischen Schule, Kindergarten und Sportverein wäre aus Sicht von Gelsensport besonders wichtig.

IX. Trendsport - ein Renner für Kinder und Jugendliche

Das Sportverhalten - insbesondere von jungen Menschen - ändert sich immer schneller und wird zunehmend vielfältiger. Traditionelle Sporträume entsprechen nur noch teilweise den heutigen und erst recht künftigen Anforderungen. Wenn Sportvereine als zentraler Sportanbieter bestehen wollen, müssen sie umdenken - und diejenigen, die Sporträume schaffen und sichern, mit ihnen.

Für Kinder und Jugendliche hat Sport nach wie vor eine herausragende Bedeutung. Der Sportverein ist immer noch die unangefochtene Nr. 1 unter den Jugendsportorganisationen. In Übereinstimmung mit der aktuellen Shell-Studie wird im Zehnjahresvergleich tendenziell sogar eine Steigerung des Organisationsgrades festgestellt. Mehr als 60 % der 12jährigen und ca. 40 % der 18jährigen sind aktive Mitglieder im Sportverein. 18jährige aktive Vereinsmitglieder sind im Durchschnitt 9 Jahre im Verein und verbringen dort etwa 5 Stunden pro Woche. Der Verein besitzt eine hohe Integrationskraft. Gleichzeitig lassen sich aber gegenläufige Tendenzen beobachten. Trotz der enormen Sportbegeisterung der Jugendlichen und ihres beträchtlichen Sportengagements werden es Sportvereine und -verbände in Zukunft schwer haben, für diese Gruppe attraktiv zu sein und sie an sich zu binden.

Die sportlichen Biographien heutiger Jugendlicher werden bunter und abwechslungsreicher. Die Bindungen an Sportvereine erodieren, Leitbilder wie Erlebnisorientierung und privater Lebensgenuss sind auch im Jugendsport auf dem Vormarsch. Sportengagement wird zwar befürwortet, Verpflichtungen und Bindungen treten in den Hintergrund. Hier spiegelt sich der Trend zur Individualisierung in der Risikogesellschaft wider und der Sport und seine Organisationen müssen auf die sich verändernden Sportbedürfnisse und Ausdifferenzierungen reagieren und auch Zukunftsprojekte entwickeln. Einerseits muss die vorhandene Infrastruktur des Breitensports erhalten und stabilisiert werden, andererseits bedarf es einer vorausschauenden Sportpolitik, neuere Entwicklungen aufzugreifen.

Der Stellenwert von Trend-Sportarten ist gerade bei vereinsungebundenen Jugendlichen sehr hoch, allerdings fehlen in Gelsenkirchen adäquate Einrichtungen. Gleichzeitig wird dadurch die Möglichkeit geschaffen, dass Jugendliche, die sich bereits im Vereinssport etabliert haben, zusätzliche sportliche Freizeitimpulse erhalten. Grundsätzlich ist in diesem Zusammenhang auch die Chance zu sehen, dass sich Sportvereine, die sich im Umfeld einer Trend-Sportanlage befinden, auf kooperative Netzwerkstrukturen einlassen. In der Vergangenheit lag der Schwerpunkt kommunaler Sportentwicklung ausschließlich auf den sog. traditionellen Sportstätten. Diese Einrichtungen stehen in erster Linie den Schulen und dem Vereinssport zur Verfügung. Eine Trend-Sportanlage könnte das Angebot an öffentlichen Sportflächen in Gelsenkirchen optimal erweitern.

Die Sportjugend bei Gelsensport hat vorgeschlagen, auf dem Consol-Gelände eine komprimierte Multifunktionsanlage für Trend-Sportarten zu bauen. Dies soll im Rahmen der Programme für Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf geschehen. Nach einer Bedarfsermittlung durch Befragungen von Bewohnern, Vereinen und Schulen (STADTart) sind neben einem Multifunktionsfeld (Street-Hockey, Mini-Fußball, Mini-Hockey etc.) ein Street-Basketball-Feld (4 Körbe mit entsprechenden Markierungen sowohl für normales Basketball als auch für Streetbasketball) zu berücksichtigen. Dazu kommen Aktionsflächen für Scater (Rundparcour, Skating-Parks). Neben den rein sportlich orientierten freien Nutzungen müssen zusätzlich ein Geräteverleih und andere Infrastruktur-Einrichtungen geschaffen werden.

X. Leistungssport und Sponsoring

Die Situation des Leistungssports in Gelsenkirchen haben wir im Zusammenhang mit der Entwicklung des Sportförderungsplanes ausführlich dargestellt und diskutiert. Erste aktuelle Handlungsansätze wurden gleichzeitig entwickelt. Diese werden sich durch den Druck der Haushaltskonsolidierung nur sehr eingeschränkt realisieren lassen. Spiegelbildlich ist festzuhalten, dass Sportveranstaltungen, die zumindest von überregionaler Bedeutung sind, in Gelsenkirchen kaum noch stattfinden. Lediglich eine Hand voll von Sportereignissen sind zu nennen: das Judo-Masters von Koriouchi, zwei bedeutende Radsportveranstaltungen, der Fußball-Emscher-Cup und die Initiativen vom Billard-Club Grüner Tisch Buer. Außerhalb dieses Rahmens existiert noch die Eislauf-Veranstaltung im Sportparadies. Herausragende Bedeutung im Gelsenkirchener Sport hat lediglich der FC Gelsenkirchen-Schalke 04.

Unterhalb dieser Ebene des FC Gelsenkirchen-Schalke 04 beklagen alle Vereine durchgängig das fehlende ausreichende Sponsoring; ebenso gibt es Defizite hinsichtlich einer professionellen Ansprache von Unternehmen in der Stadt. Hier lassen sich zunächst einmal relativ bescheidene Ziele definieren. Vielleicht kann es durch die Moderation von Gelsensport gelingen, einen Sponsoren-Pool aufzubauen, mit dem die Realisierung eine Veranstaltungsreihe mittlerer Sportereignisse co-finanziert werden kann. Dies könnte eine Grundlage darstellen, um Stück für Stück einen Veranstaltungsmix verschiedener Sportarten zu etablieren; gegenseitig voneinander zu lernen und sich zu professionalisieren. Über eine gemeinsam zu entwickelnde Identifikation als „Sportstandort Gelsenkirchen“ könnte ein ausbaufähiger Ansatz entstehen. Gelsensport wird versuchen, eine entsprechende Initiative ins Leben zu rufen.

Der Sponsoren-Pool sollte sich nicht nur auf die Beschaffung von Geld reduzieren. Oftmals helfen Unterbringungsmöglichkeiten, Transportmittel etc., so dass hier entsprechende Unternehmen, Firmen etc. die Möglichkeiten haben, sich auch außerhalb von Finanzen einzubringen.

Gelsenkirchen, 2001
Dr. Günter Pruin (verantwortlich)
Gelsensport

 

Gedanken zur zukünfigen Gestaltung der Sportpolitik in Gelsenkirchen


von Dr. Günter Pruin, Geschäftsführer, Gelsensport
  1. Die Leistungsfähigkeit des Sports für die Entwicklung der Stadt
  2. Die Unterstützung des Sports durch Sportförderung
  3. Die Binnenstruktur des Sports - Gelsensport und seine Mitgliedsvereine
  4. Sport - kein Monopol der Sportvereine
  5. Sport und Ehrenamt
  6. Handlungsfelder der Sportentwicklung in Gelsenkirchen
  7. Die Bildungsarbeit ist eine Investition in die Zukunft des Sports
  8. Gelsensport - Weiterentwicklungsmöglichkeiten zu einer modernen und kundenfreundlichen Interessenvertretung der Sportvereine

Vorwort

Wir alle wissen, dass der Sport ein wichtiger sozialer, kultureller und gesellschaftlicher Faktor ist. Diese Erkenntnis hat sich mittlerweile auch nachhaltig in der Kommunalpolitik durchgesetzt; der organisierte Sport und die Kommunalpolitik arbeiten Hand in Hand und sichern gemeinsam und partnerschaftlich die Rahmenbedingungen für die kostenlose Nutzung der Gelsenkirchener Sportstätten. Trotz alledem darf aber nicht vergessen werden, dass die Finanzierung des Sports nach wie vor eine freiwillige Leistung ist und gerade in Zeiten knapper Kassen immer wieder in die Diskussion gerät.

Wir in Gelsenkirchen haben bereits in den Jahren 1993 und 1994 durch die Erarbeitung der Vereinbarung zur Förderung des Breitensports zwischen der Stadt und Gelsensport dafür gesorgt, dass die Sportvereine über weitgehende Planungssicherheit verfügen und das ist ein Vorteil gegenüber vielen Nachbarstädten. 1,3 Millionen DM werden Jahr für Jahr an Sportfördermitteln für die Vereine und ihre Dachorganisation zur Verfügung gestellt.

Nun aber müssen wir uns wieder verstärkt einer zukunftsorientierten Sportentwicklung zuwenden, die über die Grundsicherung der Rahmenbedingungen des Sporttreibens hinausweist. Sportpolitik, vor Ort, die den demographischen Veränderungen, neuen Bedürfnissen und gewandelten Anforderungen nicht hoffnungslos hinterherlaufen will, muss als Querschnittsaufgabe begriffen werden. Sportpolitik ist deshalb im besten Sinne Gesellschaftspolitik und gerade für das Zusammenleben in einer Kommune unverzichtbarer Bestandteil eines funktionierenden Gemeinwesens.

Wir legen heute ein Papier vor, das sich mit der Zukunftsfähigkeit des Sports in Gelsenkirchen beschäftigt, um den Diskussionsprozess auf diesem Gebiet voranzubringen. Es handelt sich dabei nicht um ein abgeschlossenes Konzept, sondern um einen Diskussionseinstieg, der sicherlich der Ergänzung bedarf. Auch können die einzelnen Themenfelder nicht im Detail ausgearbeitet werden. Dies wird uns dann nach der Kommunalwahl ausführlich beschäftigen.

Am Ende der Diskussion muss ein neuer umfassender Sportförderungsplan stehen, der die Basis für den Übergang in das nächste Jahrtausend bildet. Hier sind wir und insbesondere auch die Fachverbände gefordert. Nur gemeinsam können wir die Zukunft gestalten. Gelsensport wird gerne die Moderation übernehmen.

Jürgen Deimel (Vorsitzender Gelsensport)

I. Die Leistungsfähigkeit des Sports für die Entwicklung der Stadt

Seit dem 01.07.1994 hat sich die Organisation des Sports in Gelsenkirchen nachhaltig verändert. Vor dem Hintergrund der krisenhaften Entwicklung der Wirtschaft, sinkender Steuereinnahmen sowie enormer finanzieller Umverteilungen aufgrund des deutschen Einigungsprozesses gerieten die kommunalen Haushalte unter starken Druck. Die Verteilungsspielräume wurden immer enger, und dies hatte natürlich einen erheblichen Einfluss auf die sportpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten in der Stadt. Die gesamte Sportförderung ist trotz ihrer Verankerung in der Landesverfassung immer noch eine freiwillige Leistung der Kommune und geriet deshalb sehr schnell auf den Prüfstand. In einer solchen Situation musste Not erfinderisch machen, um Innovationspotentiale mit dem Ziel freizusetzen, die Substanz des Sports in Gelsenkirchen zu erhalten....
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Kürzungen der Mittel für die Förderung der Übungsarbeit in Sportvereinen

In einem Schreiben an die die örtlichen Landtagsabgeordneten haben Jürgen Deimel und Dr. Günter Pruin die von der Landesregierung im Haushalt 2003 vorgesehene Kürzung der Mittel für die Förderung der Übungsarbeit in den Sportvereinen um 5 Millionen Euro kritisiert. Sie führen aus, dass die Kürzung mehr als 77.000 Übungsleiter trifft, die ehrenamtlich für die Vereine tätig sind. Bisher unterstützte die Landesregierung die Übungsarbeit in den Vereinen mit 11,7 Mio Euro jährlich. Die geplanten Kürzungen wären drastisch: über 40 % würden wegfallen. Die Geldmittel werden nach einem bestimmten Schlüssel auf die Vereine verteilt. Pro Zuschusseinheit (Übungsleiter/ in je 50 Vereinsmitglieder = 1 Zuschusseinheit) waren es ca. 150 Euro/Jahr 2002. nach den Plänen der Landesregierung würde die Zuschusseinheit auf ca. 85 Euro pro Jahr reduziert werden. Die Höhe des Zuschuss für den einzelnen Verein richtet sich nach der Zahl der beantragten und genehmigten Zuschusseinheiten.

Auf Gelsenkirchen und die Gelsenkirchener Sportvereine bezogen werden sich die Kürzungen wie folgt darstellen:
Nach Angaben des Landessportbundes NW werden in Gelsenkirchen insgesamt 847 Übungsleiter gefördert. Der Zuschuss für Übungsleiter würde von 126.200 € auf 72.000 € sinken.
Das dies immense Auswirkungen insbesondere auf die Kinder- und Jugendarbeit in unseren Sportvereinen hat, können Sie sich vorstellen. In einer gemeinsamen Erklärung der Sportfachverbände sowie der Kreis- und Stadtsportbünde heißt es:
"In der Sorge, dass die geplanten Kürzungen im Landeshaushalt 2003 negative Auswirkungen auf die Olympia-Bewerbung Rhein-Ruhr 2012 haben und die Arbeit unserer Sportvereine - insbesondere die Qualität der Angebote um das ehrenamtliche Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter- erheblich beeinträchtigt werden, stellen wir fest:
Die Beschlüsse der Landesregierung, die Förderung des Sports in Nordrhein-Westfalen und die Förderung der Jugendarbeit im Haushalt 2003 erheblich zu kürzen, sind mit dem vor sechs Monaten geschlossenen "Pakt für den Sport" unvereinbar. (...) Wir erwarten von den weiteren Beratungen im Landtag und insbesondere von den die Landesregierung tragenden Parteien, diese Kürzungen rückgängig zu machen."

Wir wenden uns an Sie, sehr geehrte Landtagsabgeordnete, mit der Bitte Ihren Einfluss geltend zu machen, damit diese Kürzungsabsichten nicht Realität werden. Wir sind gerne bereit, Sie über unsere Position in einem persönlichen Gespräch zu informieren. Am 07.November werden die Auswirkungen der beabsichtigten Kürzungen auch im hiesigen Sportausschuss diskutiert.

Als Vertreter der Stadt Gelsenkirchen im Sportausschuss des Städtetages NW hat Günter Pruin die Auswirkungen für die Sportvereine in Gelsenkirchen deutlich gemacht und mit den anderen Mitgliedern deutlich gegen den Haushaltsplanentwurf votiert.

Wir werden Sie über den Sachstand weiter informieren.

Kürzungen bei Förderung der Übungsarbeit teilweise zurückgenommen

Bei der Pressekonferenz am 12.11.02 im Düsseldorfer Landtag verkündeten die sportpolitischen Sprecher der SPD- Fraktion, Ina Meise-Laukamp und der Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN, Ewald Groth, die Ergebnisse der Haushaltsberatungen der Fraktionen zum Thema "Fördermittel für die Übungsarbeit in Sportvereinen". Demnach erhöhen die Koalitionsfraktionen den gekürzten Ansatz der Landesregierung um 3 Mio. Euro auf 9.5 Mio. Euro. Der LandesSportBund gibt aus seinen Mitteln eine weitere Mio. Euro dazu (vorbehaltlich der Zustimmung der Mitgliederversammlung 2003), so dass im Jahr 2003 insgesamt 10,5 Mio. Euro zur Verfügung stehen sollen.

 

Bisher unterstützte die Landesregierung die Übungsarbeit in den Vereinen jährlich mit 11,7 Mio. Euro plus 1,2 Mio. Euro aus dem Gemeindefinanzierungsgesetz. In einem ersten Entwurf hatte die Landesregierung eine Kürzung auf 6,5 Mio. Euro vorgesehen und die 1,2 Mio. Euro aus dem Gemeindefinanzierungsgesetz gänzlich gestrichen.

In einem Antrag der Fraktionen SPD und Bündnis 90/DIE GRÜNEN zur dritten Lesung des Gesetzentwurfs der Landesregierung zum Landeshaushalt für das Jahr 2003 heißt es: "Der Landtag bekräftigt, dass bei verbesserter Haushaltslage ein Ausbau der Förderung für die Tätigkeit der Übungsleiterinnen und Übungsleiter vordringlich ist." Die Verteilung der Gelder durch den LandesSportBund soll aber in der Zukunft stärker auf die Arbeit im Kinder- und Jugendbereich - insbesondere auch für die Ganztagsbetreuung - der Sportvereine abzielen.

Ina Meise-Laukamp und Ewald Groth begrüßten das Engagement und die Innovationsbereitschaft des LandesSportBundes. Richard Winkels, Präsident des LandesSportBundes betonte, dass der Einsatz des LandesSportBundes und der Präsidenten der Fachverbände, der Vereine sowie der Vorsitzenden der Stadt- und Kreissportbünde zur Rücknahme der Kürzungen Erfolg hatte: "Unter Berücksichtigung der Haushaltssituation des Landes sowie der großen Schwierigkeiten, die mit der Bereitstellung von Mitteln zur Rücknahme der geplanten Kürzungen der Pauschale für die Förderung der Übungsarbeit durch Umschichtungen im Haushalt verbunden sind, ist das Ergebnis dieser Bemühungen sicherlich anerkennenswert." In diese Anerkennung bezieht Richard Winkels ausdrücklich auch die Opposition mit ihren sportpolitischen Sprecherinnen, Dr. Annemarie Schraps (CDU) und Ingrid Pieper-von-Heiden (FDP), ein.

"Trotz allen Erfolges dürfen wir aber die teilweise Rücknahme der Kürzungen nicht schön reden! Wir haben trotz alledem noch eine dramatische und nicht zufriedenstellende Haushaltssituation für den Sport. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Übungsleiterzuschuss von über 1,2 Millionen Euro, den die Kommunen bislang über das Gemeindefinanzierungsgesetz zusätzlich zu den Landesmitteln direkt erhalten haben, komplett gestrichen wurde," sagte Richard Winkels.

Der LandesSportBund erwartet, dass für den Haushalt 2004 zumindest die alten Förderansätze wieder eingestellt werden.

© LandesSportBund Nordrhein-Westfalen am 13.11.2002

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